02.01.17 - Marcel Gerstle – Wie Phoenix aus der Asche
 
Aus unserer Artikel-Serie "Neckarsulmer Randgeschichten"
 

Rund sechs Monate sind inzwischen seit dem Oberliga-Aufstieg der Sport-Union vergangen. Und das Debüt unseres Teams in der höchsten Spielklasse Baden Württembergs kann bislang durchaus mit dem Prädikat „sehr gelungen“ versehen werden. Die aktuelle positive Bilanz mit Tabellenplatz fünf ist in allererster Linie ein Erfolg des Kollektivs, des großen Ganzen auf dem grünen Rasen. Unterstützt wurde die Neckarsulmer Gesamteinheit aber auch immer wieder durch starke individuelle Glanzpunkte. Dazu gehören natürlich sehenswerte Tore, akrobatische Abwehraktionen, tolle Torhüterparaden. Und natürlich Torvorlagen.

 
 

Sage und schreibe acht davon hat in der Oberliga-Vorrunde NSU-Mittelfeldakteur Marcel Gerstle in seiner persönliche Bilanz stehen. Doch damit nicht genug: Unsere Nummer 7 hat nicht nur alle bisherigen 20 Saisonspiele absolviert, er war auf der zentralen Mittelfeldposition eine der prägenden Spielerpersönlichkeiten im Neckarsulmer Team. Kurzum, Marcel Gerstle ist einer der Erfolgsgaranten für die bisherige tolle Oberliga-Bilanz. Doch das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit.

Denn Marcel Gerstle hatte in der Vorsaison in der Verbandsliga einen schweren Stand, war zwischenzeitlich so frustriert, dass er kurz davor stand seine Kickstiefel komplett an den Nagel zu hängen – und das im Alter von 29 Jahren. Seine Leistungsexplosion in den letzten sechs Monaten ist daher ein Paradebeispiel für alle Nachwuchsfußballer, was mit unbändigem Willen, der richtigen Mentalität und der Unterstützung von Team und Verein alles möglich ist. Marcel hat es geschafft, hat sich aus dem sportlichen Tief herausgearbeitet – und erntet seit sechs Monaten die Früchte dafür.

Rückblick: Mit Beginn der vergangenen Saison 2015/16 wechselt Marcel Gerstle nach Neckarsulm. Mehr als acht Jahre hatte er zuvor das Trikot von Regionalligist Spvgg Neckarelz getragen, feierte dort einen Erfolg nach dem anderen (2 Aufstiege, Badischer Pokalsieger, DFB-Pokalspiel gegen Bayern München), wurde dort zur Integrationsfigur. Fünfmal Training und sein Studium waren dann irgendwann nur noch schwer unter eine Hut zu bringen, so entschloss sich Marcel Gerstle bei der Sport-Union mitzuhelfen, das ehrgeizige Ziel „Oberliga“ zu erreichen.

Eine Episode aus der allerersten Trainingseinheit steht dabei sinnbildlich für den Charakter des 29-Jährigen: Was tun, wenn gleich vier Marcels in einer Mannschaft spielen und die Spitznamen langsam ausgehen? „Hallo, nennt mich einfach „Gerstle“. Das waren die fünf Worte, mit denen er sich im Teamkreis vorstellte. Ja, so ist er. Direkt, unkompliziert, einer, der immer einen guten Spruch parat hat, egal ob es gut läuft oder schlecht. Ein Charakter-Spieler, den Du brauchst, natürlich im Erfolg, aber gerade auch wenn es nicht so läuft. Kein Wunder also, dass Marcel im Mannschaftskreis von Beginn an beliebt und hoch geschätzt ist.

 
 

Es mutet daher fast ein wenig grotesk an, dass ebenjener notorisch gut gelaunte Marcel Gerstle im Verlauf jener Verbandsliga-Saison 2015/16 selbst Zuspruch benötigte. Denn sportlich wollte es für ihn von Beginn an einfach nicht so richtig rund laufen auf dem Pichterich. Natürlich, der Name Gerstle löste im Neckarsulmer Umfeld Erwartungen aus, doch viel schlimmer für ihn waren die Erwartungen die er selbst an sich stellte – und zunächst trotz aller Anstrenungungen nicht erfüllen konnte.

Woran es lag? „Angefangen hat es schon während der Sommervorbereitung als ich muskuläre Probleme hatte und trotzdem gespielt habe“, so Gerstle. Hinzu kam nach acht Jahren Neckarelz eine andere Spielphilosophie, die eine längere als von ihm selbst erwartete Eingewöhnung bedurfte. Zu allem Überfluss verletzte sich Marcel Gerstle dann im Oktober am Mittelfuß und fiel bis zur Winterpause aus. „Es war quasi ein halbes Jahr zum Vergessen“, analysiert Marcel heute.

Schon in der Winterpause macht er sich Gedanken: „Es war komplett deprimierend. Ich wollte durch den Wechsel einfach wieder mit Spaß kicken. Aber es ging einfach nicht wie ich wollte aufgrund der Verletzungen.“

Nach dem Spiel im März 2016 in Schwäbisch Hall verfestigt sich ein Entschluss in Marcel Gerstle, der seit Wochen gedanklich in ihm reifte. Er wollte die Fußballstiefel endgültig an den Nagel hängen. Also informiert er Trainer Thorsten Damm, die Vereinsführung und das Team über seinen Entschluss, alles hinzuschmeißen. Aus, Basta. Der Ball, mit dem Marcel Gerstle so trefflich umgehen kann, ihn behandelt, wie ein Klaviervirtuose sein Instrument, er ist zu seinem Feind geworden.

 
 

Da die Selbstkritik nicht unbedingt zu den angeborenen Charaktereigenschaften von Fußballern zählt, überrascht die Aussage von Marcel Gerstle zu seinem Rücktritt gegenüber dem Verein umso mehr: „Ich kann die Erwartungen, die Ihr in mich gesetzt habt einfach nicht erfüllen.“ Ein Statement voll von menschlicher Stärke.

Doch sowohl der Verein als auch das Team möchten sich mit dem Abgang Marcel Gerstles weder anfreunden, noch abfinden. Zu sehr wird er als wichtiger Teil der Mannschaft angesehen. Zunächst kommen Whatsapp-Nachrichten von Mitspielern wie „Hey, Du fehlst in der Kabine.“ oder „Ohne Dich ist es hier absolut langweilig.“

Vor allem mit den ehemaligen Neckarelzern im NSU-Trikot Pascal Marche und Marcel Busch hat sich über die Jahre eine tolle Freundschaft entwickelt. Vor allem mit ihnen hat sich Marcel Gerstle auch intensiv über die aktuelle Situation ausgetauscht. Es spricht übrigens auch für das vertrauensvolle Miteinander bei der Sport-Union, dass von all den Rücktrittsgedanken Marcel Gerstles nichts an die Öffentlichkeit dringt. Wieder wurde der „Neckarsulmer Weg“ gegangen und alles intern geregelt.

Dann schaltet sich auch die Vereinsführung ein, nimmt Kontakt zu Marcel Gerstle auf. Dieser ist überrascht über diesen Zuspruch, erkennt die große Wertschätzung für seine Person innerhalb des Clubs. „Ich hatte dann ein sehr gutes Gespräch mit Sportdirektor Marco Merz, Abteilungsleiter Klaus-Dieter zur Linden und Robert Heiler, die mich dazu bewegt haben, die Saison zu Ende zu spielen. Das hat mir sehr geholfen.“ Marcel Gerstle entdeckt wieder den Kampfgeist in sich, will unbedingt zeigen, dass seine Verpflichtung die richtige Entscheidung war, will das große Vertrauen zurückzahlen, auch Trainer Thorsten Damm..

 
 

Der Plan gelingt. Nach und nach kommt der Spaß zurück. Sowohl in Marcels Fußballkarriere als auch in die NSU-Kabine. Es ist eine erstaunliche Rückkehr. Denn Marcel Gerstle startet ein beeindruckendes Comeback. In den abschließenden neun Saisonspielen 2015/16 kommt Marcel Gerstle sieben Mal zum Einsatz, davon vier Mal von Beginn an. Und das, obwohl er zuvor wochenlang gefehlt hatte. Am Ende steht die Verbandsliga-Meisterschaft, Marcel Gerstle ist mittendrin im Neckarsulmer Jubelpulk, feiert den Titel enthusiastisch. Der Oberliga-Aufstieg bedeutet ihm viel, er stellt dabei jedoch erneut Persönliches hinten an: „Die Verbandsliga-Meisterschaft hat mir zum einen viel bedeutet, weil die NSU dieses Ziel unbedingt erreichen wollte und ich Teil dieser Erfolgsgeschichte sein konnte. Und sich zum anderen die ganze Region nach Oberligafußball gesehnt hat.“

Marcel Gerstle blüht auf, von Woche zu Woche mehr. Und er hat richtig Bock auf die Oberliga. Er ist endlich einmal wieder topfit und kann die komplette Oberliga-Vorbereitung absolvieren. Das ist die Basis. „Ich konnte seit langem fast die komplette Vorbereitung mitmachen.“ Fast komplett? „Ich war lediglich zweimal im Kurzurlaub, was meinem geschundenen Körper aber mehr bringt als noch mehr zu trainieren.“ Da war er wieder, der Schuljungen-Charme des Marcel Gerstle.

Auch eine spieltaktische Änderung kommt Marcel sehr zu gute. Er spielt nun nicht mehr auf der Offensiv-Außenbahn, sondern auf einer zentraleren Position, dort, wo man mittendrin ist im Spiel. Dadurch nimmt er auch eine zentrale Rolle bei der NSU ein – vom ersten Spieltag an. Er wird zu einem Gesicht des Neckarsulmer Erfolges, begeistert Zuschauer und Fans mit seiner Übersicht, klugen Pässen und technischen Kabinettstückchen. Aber auch die Gerstle-Grätsche packt er mindestens einmal pro Spiel aus, ein Stilmittel, das man von Technikern nicht unbedingt erwartet, nichtsdestotrotz bei Zuschauern eine hohe Anerkennung genießt. Acht Torvorlagen stehen nach der Vorrunde in seiner persönlichen Bilanz, die letzte im abschließenden Spiel beim wichtigen 3:0-Erfolg in Spielberg.

Es läuft also bei Marcel, die Vorsaison ist nun endgültig abgehakt. Dennoch ruht Marcel sich auf seine ansehnlichen Auftritte auf dem grünen Rasen mitnichten aus: „Ein Selbstläufer ist das auf keinen Fall. Ich bin der Meinung, so wie man trainiert, so spielt man auch. Und da wir gut trainieren, zeigen wir in den Spielen meist auch gute Leistungen.“ Wenn Fußball nur immer so einfach wäre.

 
 

Marcel Gerstle ist unumschränkter Stammspieler. Er ist der Taktgeber in der Offensive und zählt nun zu der Kategorie Spieler, von denen man sich tunlichst nicht wünscht, dass sie ausfallen. Ein besonderes Highlight war Marcels Hacken-Torvorlage für Martin Hess beim Sieg gegen Walldorf. Ein unfassbares Tor. Seine Erklärung: „Hacke-Spitze spielt man ja nur, wenn man genug Selbstvertrauen hat und das holt man sich über gute Leistungen.“ Doch er weiß auch: „Am Ende bringt es aber nur etwas, wenn auch etwas Zählbares dabei rauskommt. In dieser Situation ging es nicht anders.“ Es hört sich fast wie eine Entschuldigung an.

Dass er sich selbst noch nicht in die Torschützenliste eintragen konnte, ärgert Marcel Gerstle ein wenig, doch er nimmt es mit Humor: Ich habe irgendwann folgendes Zitat von Lionel Messi gelesen: Tore sind nur wichtig, wenn sie Spiele gewinnen. Da ich leider keine Tore (mehr) schieße, übertrage ich das eben auf die Assists.“ Einen Treffer möchte der Mittelfeldakteur dennoch nur allzu gerne in dieser Saison noch erzielen, denn „da mich mein Kumpel Schnecke (Marc Schneckenberger, die Redaktion) aufgrund seiner vier Glückstore die ganze Zeit aufzieht, wird es langsam Zeit.“

Mit seiner persönlichen Bilanz in dieser Saison ist er natürlich trotzdem nicht unzufrieden, aber „es geht immer besser und 1-2 Tore hätte ich definitiv machen müssen. Auch was das Team angeht sieht er noch Verbesserungspotential: „Die Siege gegen Freiburg und Bissingen haben gezeigt, dass wir gegen jeden bestehen können, wenn alle Vollgas geben. Doch spielerisch müssen wir sicher noch zulegen. Aber für die erste Halbserie in der Oberliga war das schon ganz ordentlich.“

Nach seinen persönlichen sportlichen Wünschen für die Rückrunde gefragt antwortet Marcel Gerstle mit zwei Worten: „Verletzungsfrei bleiben.“ Um dann mit dem bekannten Gerstle-Humor und einem breiten Grinsen anzufügen: „Und dass wir so weiter machen. Denn je früher der Klassenerhalt erreicht ist, desto eher kann man das Training reduzieren.“ Aber keine Sorge, liebe NSU-Fans, ein solcher Satz aus Marcels Mund ist wahrlich nicht ernst zu nehmen.

Und selbst wenn wieder eine Phase kommen sollte, in denen es nicht so läuft, eines kann sich Marcel sicher sein: Wenn sich jemand am eigenen Schopf wieder rauskämpft - dann er.